ÖAZ Aktuell (Ausgabe 5/2006)

Hauptartikel 5/2006

HAUPTARTIKEL

In-situ-Bildung einer bioabbaubaren
Matrix
Mozart. Ein Leben
Saalfelden 2006

Arthrose der großen Gelenke

Spitzenforschung & Unterversorgung
Musik auf Rezept
Der gute Ton am Telefon

Eine bemerkenswerte Buch-Neuerscheinung

Mozart. Ein Leben

Mozart fasziniert, auch abseits des Mozartjahres 2006, durch sein Werk, aber auch durch sein »gebeuteltes« Leben. Prof. Max Wichtl – in Pharmazeutenkreisen bestens bekannt – präsentiert nun mit seiner deutschen Ausgabe des »Solomon-Klassikers« ein umfassendes, profundes Werk zu »Mozart. Ein Leben.«

Mag. pharm. Dr. Wolfgang Ullrich

Mozart wurde am 27. Jänner 1756 in Salzburg geboren und auf den Namen Johannes Chrisostomus Wolfgang Gottlieb getauft. Aus Gottlieb wurde der griechische Götterliebling Theophil, der frankophone Amadé und schließlich der latinisierte Amadeus. Vater Leopold Mozart stand als Violinist, Hofkomponist und Vizekapellmeister im Dienst des Salzburger Erzbischofs und entstammte einer Augsburger Familie. Die Mutter, Anna Maria Pertl, wurde in St. Gilgen am Wolfgangsee geboren.
Es ist höchstes Verdienst des vielseitig gebildeten, mehrsprachigen, aufgeklärten, dabei streng katholischen Vaters Leopold, dass er die alles überragende Begabung seines Sohnes erkannte und förderte, obwohl die Voraussetzungen dafür nicht günstig standen. Denn Salzburg war damals eher ein »Provinznest«. Vor allem die Vertreibung der Protestanten hatte einen wirtschaftlichen Niedergang mit sich gebracht. Vater Leopold wusste dies auszugleichen: Er war ein hervorragender Pädagoge und Musikpädagoge. Wolfgang hat nie eine Schule besucht! Leopold begann, das unglaubliche Talent seines Sohnes der Öffentlichkeit, vor allem den damaligen adeligen Häusern, zugänglich zu machen und begründete mit seinem Wunderkind und der vier Jahre älteren musikalisch ebenfalls hochbegabten Tochter Maria Anna Walpurga Ignatia – vulgo Nannerl – ein florierendes »Unternehmen«. Damit wurde Wolfgang für den Vater zum Instrument, durch ihn stellvertretend seine eigenen Ambitionen zu verwirklichen. Probeweise ging es zunächst nach München und Wien, wo »der kleine Hexenmeister« die Hofgesellschaft bezauberte. Die entsprechenden Geschichten sind bekannt. Das Unternehmen expandierte zu einem europäischen: In dreieinhalb Jahren, von 1763 bis 1766, legte die gesamte Familie eine Wegstrecke von vielen Tausend Kilometern im Reisewagen zurück, mit Konzertaufenthalten in 88 (!) Städten über Süddeutschland, Brüssel, Paris, London, Holland, wieder Belgien und Frankreich, die Schweiz, wieder über München nach Salzburg zurück.
Die Konzerte trugen vielfach Show-Charakter – würde man heute sagen –, mit virtuosen Darbietungen auf Klavier, Violine, sogar Orgel, Spielen auf einer mit einem Tuch verdeckten Klaviatur, Improvisieren nach vorgegebenen Themen etc. Durch die enormen Strapazen kam es immer wieder zu Unterbrechungen durch Erkrankungen der Kinder – es muss für sie grausam gewesen sein. Doch für Wolfgang mit seinem genialen, offenen Geist und seiner Sprachbegabung waren die Reisen auch gleichzeitig seine Schule; überdies machte er enorme Fortschritte als Komponist.
Vater Leopold wusste, dass ihm die Zeit davonlief. Wenn ein Wunderkind kein Kind mehr ist, schwindet die Sensation, schwindet oft das Wunder. Daher: Nutze die Zeit! 1767 bis 1768 versuchte man es wieder mit Wien. Doch das Interesse war bei der kaiserlichen Familie nicht mehr groß. Die Pockenepidemie erfasste Wolfgang und Nannerl, sie kamen aber davon. Wolfgang wurde kein sehr hübscher erwachsener Mensch, und sein Gesicht war außerdem forthin von den Pockennarben entstellt. Arbeitsmäßig kam in dieser Wiener Zeit die Anregung, er solle sich dem Komponieren von Opern zuwenden. Nach überaus erfolgreichen drei Reisen mit seinem Vater nach Italien bis 1773 mit dem Ergebnis eines reichen Kompositionsschatzes weltlicher und geistlicher Werke war die Wunderkindzeit endgültig zu Ende. Nennen wir ihn hier ab jetzt einfach »Mozart«.
Die folgenden Salzburger Jahre waren sehr fruchtbar mit Mozart als musikalischem Erneuerer (Konzerte im Serenadenstil, Divertimenti, Violinkonzerte). Nun hat er die Welt gesehen; Salzburg wird ihm zu eng und zu bescheiden – er hat es eigentlich nie gemocht.
So geht er auf die Suche nach einer bedeutenden und lukrativen Stelle in Europa, diesmal mit der Mutter. Sie erkrankt und stirbt in Paris. Der Zweck der Reise wurde nicht erreicht. Mozart hatte nun hohe Schulden bei seinem Vater, und der war ein harter, unnachgiebiger Gläubiger geworden. Mozart war zum Mann herangereift. Es kam zu Liebes- und wohl auch zu sexuellen Beziehungen zu seiner Cousine Maria Anna Thekla Mozart, überkommen in seinen fäkalerotischen und sexuellen Wortspielen der berühmten »Bäsle-Briefe«. Seriöser ging es mit seiner Beziehung zu Aloysia Weber zu, von der er schließlich abgewiesen wurde. Sie wurde später seine Schwägerin, Frau Lange.

Lösung vom Vater – Wien
1781 – die große Zäsur. Das Verhältnis zu seinem Vater war unhaltbar geworden. Ein Wechselspiel der gegenseitigen Abwendung vom Erzbischof kam in Gang. Die Auseinandersetzung eskalierte und endete schließlich mit dem berühmten »Tritt im Hintern« durch den Kammerherrn des Erzbischofs. Mit dem ohnedies gehassten Salzburg war es also zu Ende. Zurück blieb ein verhärteter Vater, der das Schwinden des Einflusses auf seinen Sohn nicht verkraftete und diesen faktisch enterbte. Ein verkrampft-höflicher Korrespondenzton verblieb als Rest. Der Befreiungsschlag war vollzogen, die gigantische Schaffensperiode der zehn Wiener Jahre nahm ihren Anfang.
Das Einwurzeln in Wien war nicht leicht. Einen neuen Familienverband fand Mozart im Haus der Familie Weber – Mutter mit den drei unverheirateten Töchtern Josepha, Constanze und Sophie (die Familie war nach dem Tod des Vaters Fridolin Weber - übrigens ein Onkel von Carl-Maria von Weber – nach Wien übersiedelt). Mozart verliebte sich in Constanze und heiratete sie 1782. Sie sollte ihm sechs Kinder schenken, von denen zwei überlebten. Mit der Hauptperson der »Entführung aus dem Serail« setzte er ihr ein Denkmal. Die überaus erfolgreiche Uraufführung hatte kurz vor der Hochzeit stattgefunden. Auch die Wiener Jahre waren unstet und bewegt: 12 mal Wohnungswechsel! Viel Geld verdient und meist noch mehr ausgegeben (oder verspielt?). Der Eintritt in die Freimaurer-Loge »zur Wohltätigkeit« öffnete Mozart so manche Türe. In fulminanten Jahren entstand die stattliche Anzahl der Meisterwerke wie Sinfonien, die von ihm als Genre neu erschaffenen Klavierkonzerte, die »Haydn-Quartette«, die berühmte C-Moll-Messe. Schließlich tat sich die Welt der großen Opern auf: »Idomeneo« (München, 1781), die bereits erwähnte »Entführung«, »Le Nozze di Figaro« (Wien, 1786), »Don Giovanni« (Prag, 1787), »Cosí fan tutte« (Wien, 1790), »Titus« (Prag, 1791), »Die Zauberflöte« (Wien, 1791).
Mozart war ein unentwegt Arbeitender. Sein Tagesablauf begann um 6 Uhr und endete spät in der Nacht. Zahlenfetischisten wollen errechnet haben, dass er jeden Tag seiner schöpferischen Jahre 2.000 Noten schrieb (?). Zu unvorstellbarer Schaffenskraft und Aktivität lief er in seinem letzten Lebensjahr 1791 auf, im Kampf mit quälender Melancholie (nach heutiger Diktion Depressionen) und allmählicher Vereinsamung wegen Abwesenheit Constanzes – sie weilte zur Kur in Baden und war überdies wieder schwanger. Wenn Mozart das »ewige Kind« war, dann führte ihn während der turbulenten Arbeit an der »Zauberflöte« mit Schikaneder eine Art hektische Suche nach »Glück« außerhalb seiner Ehe auch auf Abwege, trotz ungebrochener Liebe zu seiner Frau. Die Einsamkeit war der Rückschlag.
Die letzte Krankheit, ein schwerer Schub von rheumatischem Fieber, begann am 20. November 1791. 15 Tage später war Mozart tot. Das geheimnisvolle Auftragswerk »Requiem« konnte nicht mehr vollendet werden. Sein Begräbnis am St. Marxer Friedhof war jedoch kein »Armenbegräbnis«, wie das vielfach kolportiert wird. Es war einfach (»dritte Klasse«). Kaiser Josef II. war schon tot, aber seine Reformen in Bezug auf Begräbnisse waren in Kraft. Sie wurden von der Familie Mozarts (vielleicht auch noch von ihm selbst am Totenbett) so akzeptiert. Constanze war nicht dabei – aus welchem Grund immer.

Damit wurde Wolfgang für den Vater
zum Instrument, durch ihn stellvertretend seine eigenen Ambitionen zu verwirklichen.

Welch ein Leben – welch ein Werk! …
… möchte man ausrufen und gleichzeitig die Frage aufwerfen, ob man künstlerische Genies nur vom Werk her sehen sollte, oder ob der Zugang zum Werk nicht auch über das »Mitleben« mit ihrem Leben führt. Mozarts Werk wird weltweit geliebt und gepflegt, nicht nur in diesem Gedenkjahr. Sollte aber nicht gerade dies aufzeigen, dass für die Beschäftigung mit der Biographie Nachholbedarf besteht, umso mehr, als für Mozarts Leben ein wahrer Schatz von Briefen und Aufzeichnungen zur Verfügung steht? (Übrigens: Was wäre, wenn die Mozarts schon ge-e-mailt hätten?) In diesem Sinn ist auch die kurze einleitende biographische Skizze dieser Zeilen gemeint.
Dieses Leben in den Wunderkind-Jahren, in Krisen von Enttäuschung und fehlender Anerkennung, in rauschenden Erfolgen, dieses rasend-reisende, wirtschaftlich gebeutelte, vom Vater unterdrückte und schließlich chaotisch-befreite Leben hat natürlich Biographen stets angezogen. Es begann kurz nach seinem Tod mit der Biographie von seinem Freund Franz Xaver Niemetschek und setzte sich in unzähliger Vervielfältigung und Vielfalt bis heute fort. Mehrfach hat aber Mozarts schwer zu erfassende Persönlichkeit mit seinem kindlichen, karnevalesken Spieltrieb, mit seiner Vorliebe für Wortwitze, Rätsel, Obszönitäten und Späßen in vielen Darstellungen zu Verzerrungen verleitet. In allzu freier Manier hat sich manchmal eine bestimmte Zeit ihren eigenen Mozart erschaffen. Sensationslust, Geheimnisgier, Phantastereien, Romanhaftigkeit, Legendenbildung, ja reine Erfindung fanden Eingang. Man denke nur an Alexander Puschkins »Kleine Tragödie« (seine Selbstbezeichnung) »Mozart und Salieri«. Auch der Film konnte dem Mozart-Sujet nicht widerstehen, von »Wen die Götter lieben« mit Hans Holt (1942), »Mozart« mit Oskar Werner (1955) bis Milos Formans »Amadeus« mit Tom Hulce (1984) – und etlichem dazwischen.

Zu unvorstellbarer Schaffenskraft und Aktivität lief er in seinem letzten Lebensjahr 1791 auf,
im Kampf mit quälender Melancholie.

Über ein neues Buch
im Gedenkjahr

Zum Gedenkjahr kommt auch der Büchermarkt mit Mozart in voller Dichte auf uns zu. Weltweit wohl mehrere hundert Publikationen werden angeboten. Und es wird viel Schönes, Lesenswertes dabei sein.
Ein Werk liegt nun in deutscher Übersetzung vor und wäre meines Erachtens besonders hervorzuheben:

Mozart. Ein Leben. Von Maynard Solomon, einem 1930 geborenen amerikanischen Musikwissenschafter, Professor an der Juilliard School of Music, der zahlreiche Studien zu Beethoven, Mozart und Schubert verfasst hat und wissenschaftlicher Berater des Beethoven-Archivs Bonn ist. Er hat alle verfügbaren Quellen und Dokumente sowie die bisherigen Ergebnisse der Mozart-Forschung mit detektivischer Akribie gesichtet und mit psychologischer Einfühlungskraft ein schillerndes und menschlich bewegendes Bild von Mozarts Leben und Persönlichkeit gezeichnet.
Zahlreiche Quellenzitate im Text eröffnen den direkten Zugang unmittelbar zu Mozart, zu den handelnden Personen um ihn herum und deren verwickelte, oft dramatische Beziehungen untereinander. Die Wissenschaftlichkeit, u.a. belegt durch über 1.500 Quellenangaben und Anmerkungen, verhinderte keineswegs, dass hier ein Buch mit anspruchsvollem Lesegenuss entstanden ist. Hierzu trägt auch die Gliederung in kurze Kapitel bei, die einzelne Lebensabschnitte, Bezugspersonen, Sachgebiete umfassen und sogar einzeln lesbar wären. Einige Beispiele: Das Kapitel »Die Stimme des Komponisten« schildert die Entwicklung der Nutzung vorhandener Musikrichtungen bis zum Durchbruch von Mozarts eigenständiger genialer Tonsprache.
»Aufruhr im Paradies« zeigt den Durchbruch von Bedrohung und Dramatik durch Lieblichkeit und Licht. »Die Macht der Musik« schließt uns das Verständnis der großen Oper auf. Die Abschnitte über die Werke sind mit Notenbeispielen ausgestattet, so dass man die musikalischen Schlüsselstellen am Klavier – je nach Können – nachspielen oder nachklimpern kann. Die interessante »Buchhaltung« über Mozarts (beträchtliche) Einnahmen während der Wiener Zeit können die ökonomischen Rückschläge auch nicht klären Als Anhang ermöglicht eine reichhaltige, ausgewählte Bibliographie, spezielle Interessen zu befriedigen.
Insgesamt muss die historisch und fachlich-musikalisch verlässliche, schnörkellose Darstellung, abseits von Aufdeckungssensationen, vom ernsthaften Leser dankbar vermerkt werden.

Die Übersetzer – der Übersetzer
Das Verdienst, dieses Werk der deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht zu haben, gebührt Univ.-Prof. Mag. pharm. Dr. Max Wichtl. Prof. Wichtl ist in Kollegenkreisen sicherlich weithin bekannt, u. a. durch sein Standardwerk »Teedrogen und Phytopharmaka«. Nach seinem Studium der Chemie und Pharmazie war er Assistent am Institut für Pharmakognosie in Wien, folgte dann jedoch einer ehrenvollen Berufung an die Universität Marburg an der Lahn, wo er Jahrzehnte lang als Ordinarius und Direktor des Instituts für Pharmazeutische Biologie höchst erfolgreich in Lehre und Forschung wirkte. Seine Beliebtheit in Deutschland als »Homo austriacus« war in Fachkreisen, bei seinen Studenten und in Kulturkreisen sprichwörtlich. Nun, in der Pension, ist er wieder bei uns, wohnt in Mödling und kann sich seinem »zweiten Leben« als Musik- und Opern-Kenner und -Liebhaber widmen.
Für die Eckelshausener Musiktage hatte Prof. Wichtl in Deutschland als Regisseur fungiert und für das berühmte Marionettentheater Schartenhof Mozart-Opern herausgebracht. Zum achtzigsten Geburtstag, den er vor kurzem feierte, kamen überraschend per Lastwagen die begeisterten jungen Marionettenkünstler mit der Marionettenbühne angefahren und bereiteten ihm im Wienerwaldsaal der Stadtgalerie Mödling ein bezauberndes Geburtstagsfest mit der Aufführung von »Le Nozze di Figaro« in seiner eigenen Inszenierung.
Zurück zum Buch: Die Übersetzung des Originaltitels »Mozart – A life« bot wohl noch keine Schwierigkeit – aber dann! Über 600 Seiten in hervorragendes Deutsch zu übersetzen (ohne Anflug von Anglizismen), war nur durch thematische Vertrautheit, hochrangige Sprachkenntnis und wissenschaftliche Genauigkeit möglich.

Bibliographische Angaben: Maynard Solomon: »Mozart. Ein Leben«. Aus dem Amerikanischen von Max Wichtl. Gemeinschaftsausgabe der Verlage Bärenreiter, Kassel, und J. B. Metzler, Stuttgart und Weimar. Geb., 618 S. mit 41 Abb. und zahlr. Notenbeispielen. Euro 41,10

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